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Wilhelmine Moik — erste ÖGB-„Frauenobmännin"

Erste ÖGB-„Frauenobmännin“ und Symbol für den Aufstieg der arbeitenden Frau

Links: Wilhelmine Moik, rechts: Rosa Weber (Quelle: ÖGB-Archiv)
Familie Moik Quelle: ÖGB-Archiv
Familie Moik Quelle: ÖGB-Archiv

Wilhelmine Moik wurde am 26. September 1894 in eine große Ottakringer ArbeiterInnenfamilie hineingeboren. Als Kind und Jugendliche nähte sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren Schwestern in Heimarbeit Bettwäsche, teilte sich das Schlafzimmer, das gleichzeitig auch der Arbeitsraum war, mit ihren acht Geschwistern. Sie lernte aber auch am Beispiel ihres Vaters, dass politisches und gewerkschaftliches Engagement zu Maßregelungen und polizeilichen Verfolgungen führten. Trotzdem trat sie in seine Fußstapfen. Schon als junges Mädchen engagierte sie sich in der ArbeiterInnenbewegung, kolportierte die Arbeiter-Zeitung und besuchte Versammlungen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und der Freien Gewerkschaften.

Beamtin

„Ihre Lehrjahre als Gewerkschafterin“ begann Wilhelmine Moik im Jahr 1912 bei der Frauenrechtskämpferin und einzigen Frau in der Gewerkschaftskommission, Anna Boschek. Zuerst als Mitglied und Funktionärin und ab 1916 als Verwaltungsbeamtin im „Verein der Heimarbeiterinnen und aller im Hause beschäftigten Frauen und Mädchen“. Während des Ersten Weltkrieges legte sie sich mit so manchen „hohen Herren von der Militärbehörde“ an. Ihre Unerschrockenheit, große Begabung, ihr Fleiß und ihre Genauigkeit fielen auch dem damaligen Sekretär der Gewerkschaftskommission, Anton Hueber, auf. Er holte sie im Jahr 1921 in die Zentrale und riet Moik wegen ihrer angegriffenen Gesundheit sich zu schonen und legte ihr nahe auf öffentliche Reden zu verzichten. Moik hörte nicht auf ihn. Sie wurde eine beliebte Rednerin und schonte sich nicht.

Im Radio referierte sie über „Frauen in der Krankenversicherung“ oder sprach mit der Leiterin des AK-Frauenreferats Käthe Leichter darüber, dass ein Drittel der weiblichen Industrieangestellten weniger als das Existenzminimum verdienten. Sie schrieb Artikel für „Die Frauenarbeit“, war Schriftleiterin des Verbandsblattes der Heimarbeiterinnen, unterrichtete bei Funktionärinnenschulungen und arbeitete an den Studien Leichters mit: über die Lebens- und Arbeitswelt der Hausgehilfinnen (1926), der Heimarbeiterinnen (1928), der Industriearbeiterinnen (1932) und dem „Handbuch der Frauenarbeit“ (1930).

Gemeinsam mit Anna Boschek schrieb sie das Drehbruch zum Stummfilm über das Leben der arbeitenden Frauen: „Frauenleben – Frauenlos"

Der Film thematisierte die Mehrfachbelastungen der Frauen, Frauenarbeitslosigkeit, die Errungenschaften des Roten Wien, beinhaltete Forderungen nach mehr Fürsorge für arbeitende Mütter, den Ausbau des Arbeiterinnenschutzes, die Arbeitslosenversicherung für Hausgehilfinnen, das Recht der Frauen auf Erwerbsarbeit. Der Stummfilm wies aber auch schon auf die Vorboten des Faschismus hin, auf das im Jahr 1930 verabschiedete Antiterrorgesetz, das Versammlungen und Streiks verbot, sowie die Aufhebung der Pressefreiheit. Der Film endete mit einem Aufruf zum Kampf gegen den Faschismus und forderte alle auf, der Kampffront der Freien Gewerkschaften beizutreten.

Frauensekretärin

Zwischen dem ersten und zehnten Gewerkschaftskongress im Jahr 1928 lagen 35 Jahre, und solange hatte es gedauert, bis erstmals der Punkt Frauenarbeit auf der Tagesordnung stand. Anna Boschek und ihre Kolleginnen hatten dies in mühsamer Arbeit durchgesetzt. Ihre Resolution, ein eigenes Frauenforum innerhalb der Gewerkschaft einzurichten, nahmen die Delegierten an. Kurz darauf übernahm Boschek den Vorsitz der Frauensektion und Moik die Position der Frauensekretärin. Moiks Aufgaben umfassten Schulungen der Funktionärinnen und Mitgliederwerbung. Im Jahr 1931 erstatteten die beiden Frauen erstmals Bericht: 17 Gewerkschaftsverbände hatten Frauenkomitees gegründet, fünf davon agierten bereits bundesweit. Fast ein Viertel der Gewerkschaftsmitglieder waren Frauen – alleine in den letzten Jahren waren mehr als 8.200 dazu gekommen. Frauen saßen in Gremien, verhandelten Kollektivverträge und kämpften für gleichen Lohn bei gleichwertiger Leistung – der Einkommensunterschied betrug damals noch bis zu 70 Prozent.

Gemeinderätin

Familie Moik Quelle: ÖGB-Archiv
Copyright: Traude Bollauf

Wilhelmine Moik sprach in Gasthäusern, in Arbeiterheimen, in Verbandsräumen über „Die Frau in der Politik und im Wirtschaftsleben“, „So lebt die proletarische Frau“ und die „Kulturfragen des weiblichen Proletariats.“ Mit dem stärker werdenden Faschismus änderten sich ihre Themen. Im Jahr 1932 sprach sie über „Das Frauenparadies der Nationalsozialisten“ und meinte damit deren rückwärtsgewandtes Frauenbild. Im Jahr 1933 referierte sie über „Bücher am Scheiterhaufen“ und bezog sich dabei auf die „Aktion wider den undeutschen Geist“, bei der Nationalsozialisten im Mai 1933 Bücher von jüdischen, marxistischen und oppositionellen AutorInnen in Berlin verbrannt hatten.

Die ersten Auswirkungen des Faschismus erlebte sie bei ihrer Angelobung zur Gemeinderätin am 24. Mai 1932. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen SozialdemokratInnen, die dem wiedergewählten Bürgermeister Karl Seitz „Hoch Seitz“ zuriefen und Nationalsozialisten, die mit ausgestreckten Armen „Heil Hitler“ schrien. Vor dem Rathaus „entwickelten Hakenkreuzler in Braunhemden einen lebhaften Hitler-Korso mit Geschrei Sprechchören“. Moik wurde angelobt und war Ersatzmitglied im Fortbildungsstadtrat und Vertrauensperson im Jugendgerichtsgefängnis – bis zu den Februarkämpfen im Jahr 1934. Danach verboten die Austrofaschisten die SDAP, die freien Gewerkschaften, „unliebsame Frauenvereine“. Sozialdemokratische BetriebsrätInnen, Nationalratsabgeordnete und GemeinderätInnen verloren ihre Mandate – so auch Wilhelmine Moik ihre Position als Frauensekretärin und Gemeinderätin.

Widerstandskämpferin

Auf Befehl des Kanzlerdiktators Engelbert Dollfuß wurden GewerkschafterInnen, SozialdemokratInnen und KommunistInnen verhaftet und in Anhaltelager gebracht. Darunter war auch Wilhelmine Moik. Sofort nach ihrer Freilassung begann sie im Untergrund bei den Revolutionären Sozialisten zu arbeiten und übernahm die Leitung der Sozialistischen Arbeiterhilfe (SAH). Die illegale Organisation zahlte Unterstützungsgelder aus, verteilte Kleidung und Lebensmittelpakete an in Not geratene Familien von Inhaftierten.

Am 27. Oktober 1937 wurde sie wegen „Illegalitätsverdachts“ verhaftet und erst nach Erlass der generellen Amnestie für politische Gefangene im Februar 1938 freigelassen.

Moik kämpfte auch nach dem sogenannten „Anschluss“ im März 1938 weiter gegen die Faschisten. Solange bis der ehemalige Sportreporter der Arbeiter-Zeitung, Hans Pav, die SAH verriet, und daraufhin die Gestapo Moik und sechs andere WiderstandskämpferInnen verhaftete und vor Gericht stellte. Moik wurde am 7. Juli 1938 verhaftet und am 10. Juni 1939 wegen des Verbrechens der „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Jänner 1941 kehrte sie ausgezehrt und entkräftet nach Wien zurück. Sie fand Arbeit als Stenotypistin. Nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler im Juli 1944 wurde sie – wie viele andere auch – abermals verhaftet, aber bald wieder freigelassen.

Quelle: DÖW

Ihre Gesundheit war angegriffen, aber ihr Wille war ungebrochen, und schon während der letzten Kriegstage begann sie, das ÖGB-Frauenreferat neu aufzubauen – ohne Käthe Leichter, sie war von den Nationalsozialisten ermordet worden, aber mit der Unterstützung der Chemiegewerkschafterin und Widerstandskämpferin Rosa Jochmann, die das Konzentrationslager überlebt hatte. Anna Boschek schrieb später über diese Tage: „Es war selbstverständlich, dass Wilhelmine gleich nach Kriegsende wieder in vorderster Reihe mitwirkte. Als Frauenreferentin, als Abgeordnete, als sozialistische Spitzenfunktionärin.“

Anna Boschek und Wilhelmine Moik

Copyright: ÖGB-Archiv
Anna Boschek und Wilhelmine Moik

„Frauenobmännin“

Moik stand als „Frauenobmännin“ an der Spitze der ÖGB-Frauensektion. Die ÖGB-Frauen stellten alte Forderungen neu auf, wie „Gleicher Lohn für gleiche Leistung“, führten Kämpfe zur Wiedereinsetzung des Achtstundentagsgesetzes von 1919 und der Wiedereinführung der 44-Stundenwoche für Frauen und Jugendliche.

Moik setzte sich vor allem für das Recht auf Arbeit der Frauen ein. Denn immer häufiger verloren sie ihre Arbeitsplätze an die Kriegsheimkehrer. Sie rang dem damaligen Sozialminister, dem Metallgewerkschafter Karl Maisel, die Zusage ab, Frauenarbeitsplätze zu schaffen. Sie engagierte sich wieder in der Funktionärinnenbildung und an Aktionen, um mehr Frauen als Betriebsrätinnen und Mitglieder zu werben. Moik war bei allen Gewerkschaftstagen zu Gast und forderte die Einrichtung von Frauenreferaten in den Teilgewerkschaften.

Nationalrätin

Am 19. Dezember 1945 zog Moik als Abgeordnete in den Nationalrat ein. Fünfzehn Jahre später zog sie in einer Parlamentsrede Bilanz. Sie sagte: „Nach 1945 lag die österreichische Sozialgesetzgebung in Schutt und Asche, arbeitsrechtliche Bestimmungen und Errungenschaften waren [während des Faschismus] verschlechtert oder beseitigt worden, einige standen nur mehr auf dem Papier. (…) Aber seit 1945 ist das Leben der arbeitenden Menschen reicher, heller geworden.“ Sie meinte damit die Verabschiedung zahlreicher Gesetze: Das Hausgehilfengesetz, das Diplomschutzgesetz für das Krankenpflegepersonal, das Hausbesorgergesetz, das Jugendbeschäftigungsgesetz und das Sozialversicherungsgesetz. Besonders stolz war sie auf das Mutterschutzgesetz, das gegen den Widerstand der konservativen Parteien, der UnternehmerInnen im Jahr 1957 beschlossen worden war, und auf die Einführung des bezahlten Karenzurlaubes. Für sie war ihre Arbeit im Parlament die fruchtbarste Zeit in ihrem Leben. Sie hoffte, dass ihre Generation den Weg für die nächste Generation geebnet habe, damit es ihnen leichter fiele, in ihre Fußstapfen zu treten.

Im Jahr 1963 übergab Moik den Vorsitz des ÖGB-Frauenreferats an Rosa Weber. Am 12. Januar 1970 starb sie mit 76 Jahren in Bad Vöslau - die Frau, über die Anna Boschek geschrieben hatte: „Wilhelmine Moik ist ein Sinnbild des Aufstiegs der Arbeiterklasse, ein Symbol für den Aufstieg der arbeitenden Frau.“

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