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Durchschummler?

Von wegen! Junge Arbeitslose haben hohe Arbeitsmotivation

Gleich zu Beginn des Jahres haben Kanzler Kurz und Vizekanzler Strache angekündigt, dass mit dem Ausnutzen des Sozialsystems Schluss sein wird. Die Notstandshilfe soll abgeschafft und durch die Mindestsicherung ersetzt werden. Dadurch besteht die Möglichkeit für den Staat, auf das Ersparte von Arbeitslosen bis auf rund 4.000 Euro zurückzugreifen, wenn sie keinen Anspruch mehr auf Arbeitslosengeld haben. Im Gegenzug soll das Arbeitslosengeld zu Beginn höher ausfallen und mit der Zeit niedriger werden, „um die soziale Hängematte unattraktiver zu machen“. Später beschwichtigten Kurz und Strache, es solle nur auf das Ersparte von „Durchschummlern“, die erst „kurz ins System einzahlen“ zurückgegriffen werden. Stellt sich die Frage, was und wer diese DurschschummlerInnen sind und wie viele es davon überhaupt gibt?

Studie unter jungen Arbeitslosen

Im Auftrag des Sozialministeriums hat die Wirtschaftsuniversität Wien eine groß angelegte Studie unter jungen Arbeitslosen in Wien durchgeführt. Dafür wurden in einem ersten Schritt rund 1200 junge Erwachsene zwischen 18 und 28 Jahren, die 2014 beim AMS gemeldet waren, zu ihren Erfahrungen mit und den Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf Gesundheit, Motivation, Wohlbefinden und andere Einstellungsmuster befragt. Das erste Mal bei ihrem Eintritt in die Arbeitslosigkeit und das zweite Mal nach zirka einem Jahr. Anschließend wurde 2016 eine Gruppe von 36 arbeitslosen Personen intensiver zu ihren Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit interviewt, um eine persönliche Sicht auf die Situation zu gewinnen.

Keine DurchschummlerInnen gefunden

Beim Durchlesen der Studienergebnisse zeichnet sich ein klares Bild ab. Junge Leute sehen Arbeit als sinnstiftend, als Teil ihrer Identität, als Möglichkeit sich weiterzuentwickeln und sich selbst zu verwirklichen. Zusammengefasst: Sie wollen arbeiten und etwas zur Gesellschaft beitragen. „Durchschummler“ von denen die Regierungschefs sprechen, konnte Studienleiter Professor Bernhard Kittel in der Studie nicht finden.

Im Jahr 2016 waren 961.014 Personen von Arbeitslosigkeit betroffen und durchschnittlich 139 Tage lang ohne Arbeit. Zwei Drittel der Arbeitsuchenden haben im Durchschnitt innerhalb von drei Monaten wieder einen Job gefunden. Und auch der Kurier konnte kaum Arbeitsverweigerer finden. Das AMS musste nur in 236 Fällen das Arbeitslosengeld ganz streichen.

Hohe Arbeitsmotivation

Der Wunsch zu arbeiten ist unter den Jungen besonders hoch. Die Studie zeigt, dass intrinsische Werte - also das grundsätzliche Interesse an Arbeit, das Treffen selbstständiger Entscheidungen, Spaß an der Arbeit, etwas Sinnvolles tun wollen - für die Befragten wichtiger sind, als extrinsische Werte, wie die Höhe des Lohns, Luxus oder Prestige. Je länger die jungen Erwachsenen jedoch arbeitslos sind, desto mehr nimmt die Bedeutung intrinsischer Werte ab und eine sichere Arbeitsstelle wird wichtiger.

Ursachen für Arbeitslosigkeit

Vor allem bei jungen Menschen kommt es auf den Übergang von der Ausbildung ins Erwerbsleben an. Wer bereits während der Ausbildung Probleme hat, diese gar komplett abgebrochen oder schlechte Erfahrungen gemacht hat, fasst später auch schwieriger Fuß am Arbeitsmarkt. Die Ausbildungspflicht bis 18 ist daher eine gute Maßnahme hier entgegen zu wirken. Denn das Risiko arbeitslos zu werden oder zu sein, ist mit einer abgeschlossenen Lehre (7,3 %), Berufs- oder (Hoch)Schulbildung (3,6 %-6,1 %) deutlich geringer, als mit nur einem Pflichtschulabschluss (24,4 %).

Herausforderungen

Herausforderungen für (nicht nur) junge Menschen am Arbeitsmarkt sind darüber hinaus die zunehmenden atypischen Arbeitsverhältnisse, die eine Rolle bei der Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen und der Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse spielen, so die Studie. Technologische Entwicklungen wirken sich auf die Beschäftigung schlechter qualifizierter ArbeitnehmerInnen besonders negativ aus, weil weniger anspruchsvolle und vor allem auf Routine basierte Tätigkeiten immer weniger nachgefragt werden. Gleichzeitig steigen die Mobilitätsanforderung an Arbeitskräfte und damit auch die prekären Beschäftigungs-verhältnisse wie Leiharbeit, befristete Verträge und Scheinselbstständigkeit. Zusätzlich werden lebenslanges Lernen und die Bereitschaft zu Flexibilität und Mobilität vorausgesetzt.

Folgen der Arbeitslosigkeit

Wer arbeitslos ist, leidet nicht nur unter dem Einkommensverlust, sondern auch unter den Begleiterscheinungen des Wiedereinstiegs. Der Druck und die Probleme bei der Suche nach einer Arbeitsstelle wirken sich negativ auf die psychische und physische Gesundheit aus. So fehlen vielen ein strukturierter Tagesablauf, soziale Kontakte und Beziehungen außerhalb der Familie und dem Verwandtschaftskreis, die durch eine Arbeit gegeben sind. Arbeit ist sinnstiftend, gibt einem das Gefühl, etwas zur Gesellschaft und dem erwirtschafteten Profit beizutragen. All das fällt bei Arbeitslosigkeit weg und kann zu Motivationsverlust, Scham, negativen Gedanken, Erleben eines sozialen Drucks und Stigmatisierung führen.

600.000 Arbeitslose fanden 2017 neuen Job

Zwei Drittel der Arbeitslosen bekamen innerhalb von drei Monaten einen Job. Das hängt laut AMS im Jahr 2017 auch mit der guten Konjunktur zusammen. Für weitere 20 Prozent hat die Jobsuche drei bis sechs Monate gedauert, für neun Prozent bis zu ein Jahr, für vier Prozent länger. Insgesamt vermittelte das AMS 604.356 Jobsuchenden eine neue Arbeitsstelle. Aber nicht alle haben „Glück“. Junge Arbeitslose stecken oftmals in Minijobs fest, sagt Studienautorin Monika Mühlböck bei FM4: „Wir haben in unserer Umfrage viele Leute, die arbeitslos gemeldet sind, geringfügig arbeiten und sehr darauf hoffen, dass sie irgendwann einmal von diesem Arbeitgeber in einem höheren Stundenausmaß beschäftigt werden. Diese Erwartungen erfüllen sich häufig nicht oder nicht in dem Ausmaß, wie sich das die jungen Menschen erhoffen.“ Der Glauben daran, einen Job oder Beruf zu finden, der den eigenen Erwartungen entspricht, schwindet so mit der Zeit.

Das sind nur einige der Ergebnisse dieser groß angelegten Studie. DurchschummlerInnen finden die ForscherInnen jedenfalls unter den Jungen nicht. Alle Ergebnisse sind auf der Seite des Instituts für Wirtschaftssoziologie abrufbar.

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