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Wie geht es den Lehrlingen? Rund 6.000 Lehrlinge wurden für den Lehrlingsmonitor von Arbeiterkammer und Gewerkschaft zu ihrer Ausbildung befragt. v.l.n.r.: Rudi Kaske, Susanne Hofer, Sascha Ernszt, Erich Foglar

Lehrlingsmonitor

Zu viele Überstunden und zu wenig Unterstützung

Zum zweiten Mal hat das Österreichische Institut für Berufsbildungsforschung (öibf) im Auftrag von Arbeiterkammer und Gewerkschaft 6.024 Lehrlinge aus ganz Österreich zu ihrer Ausbildung befragt. Damit die Ausbildung für alle Lehrlinge gleich hochwertig ist, muss es aber vor allem bei der Ausbildungsqualität, bei arbeits- und sozialrechtlichen Fragen und beim Arbeitsklima Verbesserungen geben.

Jede/r dritte macht ausbildungsfremde Tätigkeiten

Für zwei von drei Befragten passt die Ausbildung, für ein Drittel muss es deutliche Verbesserungen geben. So gibt rund jede/r dritte Befragte an, immer oder häufig für ausbildungsfremde Tätigkeiten eingesetzt zu werden. Das zieht sich über alle Branchen. Es geht um Tätigkeiten, die nichts mit der Ausbildung im eigentlichen Sinne zu tun haben. Sascha Ernszt, Vorsitzender der Österreichischen Gewerkschaftsjugend (ÖGJ) kennt diese Probleme aus Gesprächen mit Lehrlingen selbst: „Da reden wir zum Beispiel vom Maler-Lehrling, der den ganzen Tag einen Kübel mit Farbe vom Erdgeschoß in den vierten Stock trägt, weil es keinen Aufzug gibt, und der quasi als lebender Aufzug verwendet wird. Das ist keine Ausbildung.“ Er ist der Meinung: „Die Ausbildungsqualität muss in allen Betrieben gleich hoch sein. Es kann nicht sein, dass die Zukunft der Jugendlichen vom ‚Good Will‘ mancher Betriebe abhängt.“

Bei 1/3 der Lehrlinge ist der/die AusbilderIn nicht immer im Betrieb

Laut Berufsausbildungsgesetz sind die AusbilderInnen für die Ausbildung der Lehrlinge im Betrieb verantwortlich. 71 Prozent der Lehrlinge geben auch an, ihre AusbilderInnen zu kennen und, dass diese regelmäßig im Betrieb anwesend sind. Der Austausch zwischen Betrieb und Lehrling findet aber zu wenig statt, denn 29 Prozent der Lehrlinge sagen, dass der/die AusbilderIn nicht immer im Betrieb anwesend ist oder haben keine Kenntnis darüber. „Das wäre so, wie wenn 25 SchülerInnen in einer Klasse sitzen und kein Lehrer da ist, der ihnen den Stoff beibringt. Wie sollen junge Menschen da eine Ausbildung erlernen“, fragt sich Susanne Hofer, stellvertretende ÖGJ-Vorsitzende.

Zu wenig Unterstützung bei Lehrabschlussprüfung

84 Prozent der Lehrlinge betonen, dass ihrem Lehrbetrieb der Antritt zur Lehrabschlussprüfung (LAP) besonders wichtig ist. Allerdings geben nur sechs von zehn Lehrlingen an, dass ihnen der Betrieb bei der Vorbereitung zur LAP hilft. „Hier zeigt sich, dass wir die Lehrlingsförderung neu denken müssen. Die Qualität der Ausbildung muss im Mittelpunkt stehen“, kommentiert Sascha Ernszt die Ergebnisse des zum zweiten Mal durchgeführten „Österreichischen Lehrlingsmonitors“. „Die ÖGJ hat dazu ein Modell ausgearbeitet. Alle Firmen sollen in einen Ausbildungsfonds einzahlen, aus dem dann die hochwertig ausbildenden Betriebe die Ausbildungskosten refundiert bekommen.“

5 Prozent der Lehrlinge treten gar nie zur Lehrabschlussprüfung an. Susanne Hofer fordert, dass die Anmeldung zur LAP so wie bei der Matura automatisch passiert. „Mit einer automatischen Anmeldung, wo dann auch der Prüfungstermin konkret vermittelt werden kann, könnte ganz einfach erreicht werden, dass wirklich alle Lehrlinge auch zur Lehrabschlussprüfung antreten. Im Gymnasium wird darüber nicht einmal diskutiert. Es ist normal, dass jede und jeder zur Matura geht und antritt“, so Hofer.

36 Prozent der unter 18-jährigen leistet Überstunden

Für jugendliche Lehrlinge gelten besondere arbeits- und sozialrechtliche Bestimmungen. So sind z. B. Überstunden für sie verboten. „Die Realität sieht in vielen Betrieben leider anders aus“, kommentiert Ernszt die Ergebnisse. 36 Prozent der unter 18-Jährigen gibt an, Überstunden zu leisten – mehr als ein Drittel davon sogar unfreiwillig. „Abgesehen davon, dass Überstunden für minderjährige Lehrlinge verboten sind, machen sie auch keinen Sinn, außer, dass sie für Arbeitgeber günstiger sind. Denn was in acht Stunden nicht vermittelt wird, wird garantiert auch nicht in der neunten Stunde gelernt.“

Gesetzliche Qualitätssicherung in der Lehre notwendig

„Eine Image-Kampagne, wie im Regierungsprogramm vorgeschlagen, wird nicht ausreichen, um die Qualität in der Lehrlingsausbildung zu verbessern. Jugendliche und Eltern müssen sich sicher sein, dass alle Betriebe eine gute Ausbildung machen. Derzeit ist die Lehrabschlussprüfung der einzige Gradmesser für die Qualität der praktischen Ausbildung in den Betrieben. Es gibt in den meisten Betrieben keine weitere Überprüfung, und das soll sich ändern. Es muss ein gesetzlich vorgeschriebenes Qualitätsmanagement und Qualitätsnormen für die Lehrausbildung geben“, fordert AK-Präsident Rudi Kaske: „Wenn es für die Qualität jeder Schraube Normen gibt, dann muss das auch für die Ausbildung der Fachkräfte gelten, die sie herstellen.“

Qualität in der Breite hat viel Verbesserungspotential

"Das duale Ausbildungssystem ist einer der Hauptgründe, dass Österreich zu den Ländern mit der geringsten Jugendarbeitslosigkeit gehört. Wir haben Spitzenbetriebe, deren Lehrlinge bei Berufseuropa- und -weltmeisterschaften ständig Erfolge erzielen, aber die Qualität in der Breite hat viel Verbesserungspotenzial, und das bedeutet nicht, nur das Image aufzubessern“, so ÖGB-Präsident Erich Foglar. „In den letzten Jahrzehnten ist die Anzahl der Ausbildungsbetriebe pro Jahr um rund 1.000 Ausbildungsbetriebe geschrumpft. Angesichts dessen ist der Fachkräftemangel hausgemacht. Hier benötigt es einerseits konkrete Maßnahmen, die die Qualität verbessern, und Maßnahmen seitens der Regierung, die die Ausbildungskapazitäten vergrößern. Die Kürzungen beim AMS-Budget bewirken genau das Gegenteil.“

Innerhalb des zweijährigen Zeitraums seit dem ersten Lehrlingsmonitor im Jahr 2015 zeigt sich eine bemerkenswerte Kontinuität der Ergebnisse, was auf eine hohe methodische Zuverlässigkeit und Aussagekraft des Lehrlingsmonitors hinweist.

2. Österreichischer Lehrlingsmonitor – weitere Ergebnisse

  • 70 Prozent der Lehrlinge konnten ihren Berufswunsch verwirklichen; nur 6 Prozent sehen ihren Lehrberuf als Notlösung.
     
  • Etwa ein Drittel der Lehrlinge gibt an, (sehr) häufig ausbildungsfremde Tätigkeiten durchführen zu müssen.
     
  • 76 Prozent der Lehrlinge sind zumindest einmal zur Arbeit gegangen, obwohl sie sich krank gefühlt haben.
     
  • Die betrieblichen Rahmenbedingungen werden von zwei Drittel bis drei Viertel der Lehrlinge positiv wahrgenommen.
     
  • 71 Prozent der Lehrlinge sehen ihrer beruflichen Zukunft zuversichtlich entgegen, 10 Prozent eher negativ.
     
  • 70 Prozent fühlen sich durch die Lehrausbildung gut auf die zukünftige Arbeit als Facharbeitskraft vorbereitet, 11 Prozent eher nicht gut vorbereitet.
     
  • Insgesamt sind 70 Prozent mit ihrer Lehrausbildung sehr bzw. eher zufrieden. Jeder neunte Lehrling (11 Prozent) hingegen ist mit der Ausbildung (eher) nicht zufrieden.
     

Alle Ergebnisse des Österreichischen Lehrlingsmonitors: www.lerhlingsmonitor.at

ÖGJ-Modell für einen Ausbildungsfonds
Die Gewerkschaftsjugend fordert einen Ausbildungsfonds (Fachkräftemilliarde), in den Firmen einzahlen, die nicht ausbilden, obwohl sie es könnten, und aus dem Betriebe, die qualitativ hochwertig ausbilden, Förderungen erhalten. Der Fonds soll durch ein Prozent der Jahresbruttolohnsumme durch die Unternehmen finanziert werden.

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